Die Verwendung von Komponenten des chinesischen Herstellers in Europa ist umstritten. (Bild: AFP)

Huawei verliert auf dem Weltmarkt den Boden unter den Füßen. Der Zwist um den chinesischen Netzwerkausrüster schwelt weiter. Deutschland bleibt unentschlossen. Wie sieht die Zukunft für den weiteren 5G-Ausbau aus?

Montag, 25.07.2022: Das Handelsblatt berichtet unter Berufung auf Informationen aus dem Bundesinnenministerium, dass Berlin den Netzbetreibern verbieten könnte, „kritische Komponenten“ chinesischer Hersteller zu verwenden. Umgekehrt behält sich die Bundesregierung vor, die Zusammenarbeit mit dem chinesischen Unternehmen Huawei beim Aufbau des 5G-Netzes in Deutschland rechtlich zu beschränken.

Selbst die Nutzung bereits installierter Komponenten könnte demnach verboten werden. „Wenn der weitere Einsatz die öffentliche Ordnung oder Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland voraussichtlich beeinträchtigt, insbesondere, wenn der Hersteller der kritischen Komponente nicht vertrauenswürdig ist“, zitierte die Zeitung das Ministerium.

Huawei verliert an Glaubwürdigkeit und Großkunden

Huawei zählt zu den weltweit größten Anbietern von Telekommunikationsausrüstungen und ist ein wichtiger Akteur im Bereich der 5G-Technologie. Allerdings haben mehrere G20-Länder, darunter die USA und das Vereinigte Königreich, den Anbieter vom Ausbau ihrer 5G-Netze ausgeschlossen. Als Grund gilt ihre Bedenken, dass die Huawei-Technologie ein Einfallstor für chinesische Spionage oder Sabotage sein könnte.

Mehr als ein Drittel der Länder, die das weltweite Bruttoinlandsprodukt tragen, haben laut Bloomberg Produkte des chinesischen Smartphone- und Mobilfunkunternehmens Huawei seit 2019 verboten. Nicht nur große Player wie die USA und Großbritannien, sondern auch Australien, Neuseeland, Kanada, Japan, Schweden, Indien und Taiwan haben das Verbot verhängt. Das Vereinigte Königreich hat dem Unternehmen untersagt, Kernkomponenten zur 5G-Technologie beizusteuern, wodurch der Anteil von Huawei am neuen Netz des Landes auf 35 Prozent gesunken ist.

Ab dem 20. Mai 2022 dürfen Mobilfunkanbieter in Kanada keine Huawei-Geräte mehr in ihren Hochgeschwindigkeit-5G-Netzen installieren. NPR zufolge hat sich die kanadische Regierung damit ihren Verbündeten angeschlossen, um den Kommerz mit dem chinesischen Technologieriesen einzudämmen.

Deutschlands Dilemma: 5G oder Politik?

Dennoch haben sich die deutschen Netzbetreiber dafür entschieden, weiterhin auf das Unternehmen zu setzen. Allerdings versichern sowohl die Deutsche Telekom als auch Vodafone, dass sie keine Huawei-Technik im sogenannten Kernnetz einsetzen, sondern nur auf den Funkmasten selbst.

In Deutschland wäre eine Umrüstung wohl sehr aufwändig und teuer. Die Netzbetreiber haben ohnehin nur eine begrenzte Auswahl an Ausrüstungslieferanten: Neben Huawei sind noch Ericsson und Nokia auf dem europäischen Markt aktiv. Die Telekom weist darauf hin, dass sie 5G-Komponenten nur zusätzlich zu den bereits installierten 4G-Komponenten desselben Herstellers einbauen kann. Dass sich Deutschland nur zögernd von dem chinesischen Unternehmen distanziert, lässt sich durch die starke Abhängigkeit von den „Bestandslieferanten“ Huawei und Ericsson erklären. Ein Telekom-Sprecher sagte dem SPIEGEL, das Unternehmen wolle sich vorerst nicht an „politischen Spekulationen“ beteiligen.

„Es wäre weltfremd und naiv, die geopolitische Bedeutung der Huawei-Aktivitäten in Deutschland für den Einfluss Chinas nicht zu erkennen“

Konstantin Kuhle, stellvertretender Vorsitzender der FDP-Bundestagsfraktion

Hierüber haben auch Politiker der deutschen Koalition ihre Bedenken geäußert. „Es wäre weltfremd und naiv, die geopolitische Bedeutung der Huawei-Aktivitäten in Deutschland für den Einfluss Chinas nicht zu erkennen“, sagte Konstantin Kuhle, stellvertretender Vorsitzender der FDP-Bundestagsfraktion, in einem Interview mit dem „Handelsblatt“. Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen, Konstantin von Notz, verwies auf die aktuelle Benzinkrise: Es müsse jetzt allen klar sein, „dass man sich Diktaturen mit imperialistischer Gesinnung nicht wirtschaftlich ausliefern darf, um nicht erpressbar zu werden‘. Eine Anspielung auf die derzeitige Optionslosigkeit Deutschlands bei 5G-Technologieanbietern, wenn Huawei komplett aus dem Rennen sein sollte.

Spionagevorwürfe und Huaweis Abwehrversuche

Mit Blick auf die russisch-ukrainische Krise, in die China politisch verwickelt ist, sowie auf die weiteren politischen Unruhen, die von der östlichen Supermacht angeheizt werden, haben sich die Kundenländer von Huawei in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Huawei steht derzeit auf der Entity List des US-Handelsministeriums, die den Zugang zu Produkten einschränkt, die mit US-Technologie und -Software hergestellt wurden.

Denn die USA befürchten, dass Huaweis 5G-Ausrüstung von China für Spionagezwecke genutzt werden könnte. US-Quellen zufolge verdächtigt das FBI, dass Huawei-Komponenten auf Mobilfunkmasten in abgelegenen Gebieten dazu verwendet werden könnten, wichtige militärische Kommunikation zu überwachen oder zu manipulieren, einschließlich des Funkverkehrs von Atomwaffenstützpunkten. Infolgedessen hat die US Federal Communications Commission (FCC) sogar viele ihrer Telekommunikationsfirmen angewiesen, Huawei-Geräte aus ihrem Netz zu entfernen.

Huawei bestreitet diese Vorwürfe und Befunde jedoch weiterhin. Das Unternehmen besteht darauf, dass die kritisierte Ausrüstung auf anderen Frequenzen arbeitet als die militärische Kommunikation der USA. Diese Ablösung lastet nun schwer auf den Taschen der Steuerzahler. Medienberichten zufolge wurden bereits 1,9 Milliarden Dollar als Entschädigung für die Mobilfunkbetreiber bewilligt. Dabei könnten die Kosten bald auf mehr als drei Milliarden Dollar über das Budget hinaus ansteigen.

Die Reaktion Deutschlands auf diesen weltweiten Aufschrei bleibt jedoch relativ lau, da es sich in einer prekären Situation mit begrenzten Handlungsmöglichkeiten befindet. Es bleibt abzuwarten, ob es Huawei gelingt, seinen Namen von den Verleumdungen und Vorwürfen reinzuwaschen und das Vertrauen seiner weltweiten Kunden wiederzugewinnen.

Sie möchten mehr darüber lesen, wie Huawei die deutsche Politik spaltet? Besuchen Sie diesen Link.

Das Konzept einer offenen RAN-Architektur könnte einen Ausweg aus diesem Huawei-Dilemma bieten. Besuchen Sie den Link unten, um mehr darüber zu erfahren.

Dorothee Bär (Staatsministerin für Digitalisierung) bestätigt den generellen Ausschluss von Huawei nicht. Sehen Sie hier unser Interview auf YouTube.

Wie denkt Huawei hierüber? Hier geht es zu unserem Interview mit Walter Haas (CTO / CSO Huawei Deutschland). Der zu mehr Dynamik in Deutschland aufruft. Klicken Sie hier, um das YouTube-Video zu besuchen.

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