Die Auswahl fällt nicht leicht: Welche Aufgabe legt fest, ob 5G die richtige Technologie für den eigenen Bertrieb ist. (Bild: Pixabay)

5G als der Heilsbringer, der große Sprung in die Zukunft, digitale Mobilität ohne Grenzen – zurzeit vergeht kaum ein Tag, ohne 5G-Präsenz in den Nachrichten. Dabei dreht sich die öffentliche Betrachtung, geschürt durch die amerikanische Politik, meist um Huawei und Sicherheit. Andere Aspekte sind jedoch deutlich wichtiger, wie beispielsweise der Nutzen von 5G für den deutschen Mittelstand. Dieser Beitrag klärt wann und wo der Einsatz von 5G sinnvoll ist.

Autor: Kenan Seba

Bis die Vorzüge von 5G beim Endverbraucher ankommen, wird noch einige Zeit vergehen. Der flächendeckende 5G-Netzausbau durch die Mobilfunkanbieter benötigt bekanntlich seine Zeit; hier müssen sich Nutzer gut noch ein halbes Dutzend Jahre in Geduld üben. Während sich für die große Masse also zunächst nicht viel ändern wird, hat 5G sehr wohl das Potenzial für Umbrüche und Umwälzungen in der Industrie zu sorgen. Für viele ist klar: Industrieunternehmen jeglicher Couleurs werden von den 5G-Verheißungen profitieren.

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Während das für DAX-Größen und Konzerne wie Audi, BASF, Bosch, BMW, Daimler, Deutsche Messe, Fraport, Porsche, Siemens oder VW schnell einleuchtet, fehlt vielerorts der Glaube, das Gleiche gelte für den Mittelstand. Die Fragen sind berechtigt: Benötigt ein Familienunternehmen der Abfallwirtschaft 5G? Braucht es für die Abläufe eines Schreinerbetriebs ein Mobilfunknetz? Oder zwei Nummern größer gedacht: Ist ein Zulieferer wie die Schaeffler-Gruppe ohne die Verheißungen der nächsten Mobilfunkgeneration ausreichend gerüstet für die digitale Zukunft?

Verabschieden von bisherigen Denkmodellen

Um sich der Antwort – oder besser den Antworten – auf diese Fragen zu nähern, sollten wir uns zunächst von althergebrachten Klassifizierungen trennen. In einem Zeitalter, in dem sich Planungshorizonte und Trends auf halbjährliche Frequenzen verkürzt haben, gelten die üblichen Denkmodelle nicht mehr. Unsere bisherigen Orientierungsmodelle greifen nicht mehr. Wir müssen umdenken! Wir müssen lernen, uns auf neue und die eigentlichen und wesentlichen Orientierungspunkte auszurichten.

Ein häufig genutztes Hilfsmittel zur Orientierung sind Use Cases. Doch Vorsicht, eine Schar an Mitarbeitern auf den möglichen Nutzen eines bestimmten Themas anzusetzen, wird sicher Ergebnisse produzieren – allerdings vorerst lediglich Blindleistung erzeugen. Bildlich gesprochen: Der Use Case einen Kasten Bier an einen See zu transportieren, ist zunächst einmal unabhängig von der Transporttechnologie und alleinig von den Umständen und der Bedürfnislage abhängig. Ist der See in 10km Entfernung, wird ein Auto benötigt. Ist dieser aber um die Ecke, reicht auch eine Schubkarre zum Transport.

Die erste „Lesson learned“, die es zu verinnerlichen gilt: Der Use Case ist immer vorhanden, unabhängig von der darunterliegenden Technologie. In anderen Worten: Die benötigte Technologie ist transparent für den Use Case. Die Orientierungspunkte und Merkmale der eigenen Aufmerksamkeit und Analysen sind alleinig auf die eigenen Umstände und Bedürfnisse zu richten. Aus dieser Betrachtungsweise wird ersichtlich, dass die Frage ob Mittelstand oder DAX-Unternehmen zur Bedeutungslosigkeit verblasst. Die Frage, ob Digitalisierung wichtig und notwendig ist für den Mittelstand wird im Allgemeinen nicht in Frage gestellt. Daraus folgt: Auch für den Mittelstand hat 5G seine Berechtigung, wenn die Eigenanalyse diesen Schluss zulässt.

„Wer andere kennt, ist klug. Wer sich selber kennt, ist weise.“
Laotse

Woran erkenne ich also, dass ich 5G benötige?

Der zusätzliche Nutzenumfang von 5G steht außer Frage. Der neue Mobilfunkstandard verspricht eine Millisekunde Latenz, bis zu einer Million Devices pro Quadratmeter und Datenraten von 100 Mbit/s. Am Beispiel der Latenz wird deutlich, dass dieser Nutzen von 5G vermutlich in den seltensten Fällen zum Tragen kommen wird. Echtzeitkommunikation wird außer bei Anwendungen wie dem autonomen Fahren oder dem Betrieb von Drohnen selten zwingend benötigt. Tatsächlich ließen sich in der Wahrnehmung der Industrie viele Anwendungen auch per WiFi erfüllen. Folgende Aspekte zur eigenen Bedürfnislage helfen ganz konkret bei der Meinungsbildung.

Benötige ich in meinem Betrieb und Areal …

… Mobilität ohne Abbrüche?

Die inhärente Eigenschaft von Mobilfunknetzen Mobilität ohne Verbindungsabbrüche zu ermöglichen (flächendeckendes Netz vorausgesetzt), lässt sich in ein WiFi-Netz ungenügend und nur mit Abbrüchen der Verbindung abbilden (Best Effort). Ist Datenkommunikation ohne Abbrüche von hoher Wichtigkeit im eigenen Umfeld, so ist Mobilfunk die erste Wahl und somit auch 5G als aktuelle State-of-the-Art-Technologie.

… Zuverlässige Übermittlung von Daten ohne Jitter und Zeitverzug?

Ein Mobilfunknetz übermittelt die Daten in sehr kleinen zuverlässigen, periodischen Zeitscheiben immer gleicher Länge im oberen 2-stelligen µs-Bereich. Mit 5G erfolgt die zuverlässige Übermittlung von Daten im 1-stelligen µs-Bereich, wenn Millimeterwellen um die 24 GHz zur Anwendung kommen. Aufgrund seines konzeptionellen Ansatzes kann WiFi keine zuverlässige und somit jitterfreie Datenübertragung ermöglichen (Best Effort). Ist auch dieser Aspekt von hoher Wichtigkeit im eigenen Betriebsumfeld, so ist die 5G-Technologie WiFi vorzuziehen.

… zugesicherte Ressourcen für Daten-, Service- und Qualitätsklassen ohne gegenseitiges Auffressen zwischen den Klassen (Jeopardizing)?

Neu in 5G ist das Network Slicing, das ausgewählten Geräten oder Nutzern im Campusnetz ein virtuelles e2e-Netz zur Verfügung stellt. Die hierfür bereit gestellten Ressourcen können von einer anderen Schicht nicht aufgebraucht werden. Somit ist sichergestellt, dass zugewiesene Ressourcen auch sicher zur Verfügung stehen. Im 5G-Umfeld bedeutet Quality of Service also tatsächlich Quality of Service. Im Gegensatz zu WiFi, das auf dem IP-Protokoll aufsetzt und den für das IP-Protokoll verfügbaren QoS-Mechanismen basiert, sind aufgrund der Natur des IP Protokolls auch diese Best-Effort-Ansätze.

Network Slicing ist neben den QoS-Effekt auch Konkurrent zum V-LAN-Mechanismus. Während in WiFi basierten IP-Netzen Geräte und Nutzer virtuelle Netze mit IP-Netzplanung, Subnetzmasken etc. einbinden lassen, erfolgt dies in einfacher Weise in 5G-Netzen durch das zuordnen des Gerätes bzw. Nutzers zur Schicht über die Teilnehmerdatenbank.

Diese Kriterien zu berücksichtigen, hilft sich der Antwort zu nähern, in wie weit ein 5G-Netz im eigenen Betrieb Sinn macht oder nicht. Im zweiten Teil des Artikels (coming soon) lesen Sie weitere, weichere aber deshalb nicht unwichtige, Kriterien zur Bedeutung von 5G für Ihr Unternehmen, unter anderem zur Interaktion und Netz-Infrastruktur.

(Ende Teil 1 – Hier finden Sie den zweiten Teil des Artikels.)

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Zum Autor

Dipl.-Ing. Kenan Seba ist Nachrichtentechniker und zertifizierter Projektmanager. Er begann seine aktive Karriere im Mobilfunk im Jahr 2001 als Produktmanager bei Siemens Mobile. Sechs Jahre später gründete er sein eigenes Unternehmen SEBA Consulting für Beratung und Interimsmanagement in den Bereichen Mobilfunk, Festnetz und Internet-Technologien. In dieser Rolle bearbeitete er verschiedene Projekte unter anderem für Huawei, Nokia, Vodafone, Deutsche Telekom, Telefonica O2, BMW und der Fraunhofer Gesellschaft, die sich um das Rollout von mobilen Netzen, der Festnetz-Modernisierung oder LWL-Verlegung befasste. In diesem Kontext führt er ausgelagerte Geschäftsbereiche, erstellt und optimiert Geschäftsprozesse, evaluiert und analysiert 5G-Lösungen und Systeme. Durch die Analyse von 5G-Systemen und Lösungen ist Kenan Seba einer der wenigen Hersteller-unabhängigen 5G-Experten.