Die Auswahl fällt nicht leicht: Welcher Aspekt entscheidet, ob 5G die richtige Technologie für den eigenen Bertrieb ist. (Bild: Pixabay)

Viele Experten betonen den Nutzen von 5G nicht nur für den Endverbraucher, sondern besonders für die Industrie. Allerdings sind nach wie vor Details ungeklärt. Dabei finden die Diskussionen zur Klärung ungelöster Fragen im Fall des neuen Mobilfunkstandards nicht nur in den Ausschüssen und Gremien statt, sondern öffentlichkeitswirksam in Präsidenten-Büros und Kanzlerämtern. Dieser Beitrag betrachtet weiche und harte Kriterien und hilft sich der Antwort zu nähern, in wie weit ein 5G-Netz im eigenen Betrieb Sinn macht oder nicht.

Autor: Kenan Seba

Der Nutzen von 5G wird in den seltensten Fällen fundamental angezweifelt. Dazu bietet die Faktenlage zu viel technischen Charme: Argumente wie die Latenz von einer Millisekunde, die Möglichkeit, bis zu einer Million Geräte pro Quadratmeter zu bedienen und im 5G-Netz Datenraten von 100 Mbit/s zu erreichen sind einfach chic. Doch gutes Aussehen reicht nicht. Die Entscheidung für oder gegen 5G trifft mit einer gewissen Wucht auf die Verantwortlichen in den Betrieben – gerade kleinere und mittlere Unternehmen zeigen sich verunsichert. Schon der erste Teil dieses Beitrags gab Hinweise zur Entscheidungshilfe. Dort finden Sie unterschiedliche eher technische Argumente, ob ein Einsatz auch im eigenen Betrieb sinnvoll ist. Dieser zweite Teil komplettiert den Strauß an Überlegungen und Aspekten, um sich der Sinnhaftigkeit von 5G-Einsatz im eigenen Betrieb klar zu werden. Folgende Fragen gilt es zu klären.

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Benötige ich in meinem Betrieb und Areal …

… Interaktion zwischen Sprach-, Video- und Datenkommunikation?

Im industriellen Umfeld sind Sprach- und Datennetze bisher getrennt betriebene Netze, die jeweils für sich und somit doppelt operationale Kosten (OPEX) erzeugen. Mit 4G und 5G wird diese Trennung aufgehoben. Die interne Sprachkommunikation erfolgt dann mittels mobiler Devices. Festnetztelefone können abgeschaltet und gleichzeitig der Zugriff auf firmeninterne Daten ermöglicht werden. Sprach- und Datenkommunikation verschmelzen zu einem einzigen Netz und reduzieren somit die Betriebskosten (abgesehen von einer hohen Anfangsinvestition). Dem Thema Unified Messaging sind somit keine Grenzen gesetzt.

Zwar lässt sich via WiFi Sprachkommunikation ebenso ermöglichen, das aber begrenzt bis gar nicht Leistungsmerkmale bisheriger Sprachkommunikation beherrscht, wie CLIR, COLP, CLIP, COLP, CLIRO, COLR, Konferenzschaltungen, Rufnummernunterdrückung, Rufweiterschaltung, Umleitung auf Mailbox oder Vorgabe einer Hotline-Nummer auf dort arbeitende Mitarbeiter. Ist dieser Aspekt von enormer Wichtigkeit für den eigenen Betrieb, so ist 5G als State-of-the-Art-Technologie sowohl 4G als auch WiFi vorzuziehen.

… eine Loskopplung von Produktion zu diskreten Anschlusspunkten zur Netz-Infrastruktur?

Ist das Thema örtliche Flexibilität von großer Bedeutung für die eigenen Produktionsanlagen wie Fertigungsstraßen, Roboter, autonom fahrende Vehikel? Wird die Produktion häufig umgestaltet oder verlagert? In diesen Fällen ist eine Anbindung zur Netzinfrastruktur via mobiler Kommunikation gegenüber diskreten Anschlusspunkten vorzuziehen. Erfährt dieser Punkt aufgrund aktueller oder zukünftiger Planung hohe Priorität, so ist 5G aufgrund bereits weiter oben genannter Aspekte anderen Funktechnologien vorzuziehen.

Hersteller: Möglichkeiten und Alternativen

Doch auch weichere Kriterien drängen sich bei genauerer Betrachtung auf, um bei der Meinungsbildung eine nicht unwesentliche Rolle zu spielen. Hier stehen schnell auch die möglichen Lieferanten und Partner im Fokus – an die man sich im Zweifel ja für einige Jahre binden wird. Um zu beurteilen, ob 5G für den Mittelstand eventuell eine Nummer zu groß ist, sollten vier nicht in erster Linie technische Aspekte näher unter die Lupe genommen werden:

Politischer Aspekt

Die Diskussion um Huawei verunsichert nicht nur die etablierten Mobilfunkgrößen, sondern auch große Teile der politischen Landschaft. Spioniert Huawei, kann man einem chinesischen Anbieter Vertrauen schenken, oder ist alles reine Verschwörungstheorie? Das Siegel des günstigen Anbieters, droht bei Huawei nun mit dem Makel des Spionagevorwurfs bedeckt zu werden! Der Objektivität halber muss hier erwähnt werden: Spionieren NSA, CIA und andere US geführte Organisationen nicht ebenfalls? Diese Frage ist in der öffentlichen Meinung seit Snowden und Assange zur eindeutigen Klärung geführt worden.

Und ist es nicht vielmehr sicher, dass auch der BND, KGB oder der Secret Intelligence Service spionieren möchte? Die Liste ließe sich fortführen. Ein naheliegender Gedanke könnte da sein: Führt ein Land wie die USA die Möglichkeit für Chipsätze, oder Kill-Switche auf, ohne belastbare Beweise vorzulegen, dann nur, weil es sonst die eigenen Möglichkeiten der Spionagetechnologie offenlegen müsste.

Aus technisch Sicht sind sowohl Daten als auch Sprachinformationen zu jeder Zeit mitzulesen. Dies wird weltweit jedem einzelnen Ausrüster von Netzen gesetzlich und ohne Ausnahme vorgeschrieben. Überspitzt gesprochen: Sie dürfen sich aussuchen, von wem Sie ausspioniert werden wollen!

„Das Siegel des günstigen Anbieters droht bei Huawei nun mit dem Makel des Spionagevorwurfs bedeckt zu werden!“
Kenan Seba

Aspekt der Unternehmensgröße

Ein unterschätzter Aspekt bei der Entscheidung über die Einführung neuer Technik ist die eigene Unternehmensgröße und -kultur. Empirisch gesehen finden meist Unternehmen der gleichen Größenordnung zusammen. Hier bewahrheitet sich das Sprichwort: Gleich und gleich gesellt sich gern. Im Kern geht es den Entscheidern instinktiv darum: Wem traue ich welche Leistung zu? Die Art und Weise wie Entscheidungen gefällt werden, folgt einem ähnlichen Muster.

Auch die Reaktionsgeschwindigkeit auf verschiedenen Ebenen bietet einen gewissen Wiedererkennungswert und beeinflusst instinktiv die Entscheidung der Zusammenarbeit. Handlungsmuster, Kommunikation, Ressourcen, Finanzstärke liegen bei Unternehmen einer ähnlichen Größe meist auf einem Level, sind vom eigenen Erfahrungshorizont her bekannt und schaffen somit eine gewisse Vertrautheit. Mittelständische Unternehmen werden sich daher vermutlich eher bei 5G-Ausrüstern der eigenen Größe wiederfinden, nämlich bei der im Folgenden zu erwähnenden Kategorie an Netzausrüstern.

Technologischer Aspekt

Seit geraumer Zeit tauchen auch weniger bekannte Netzausrüster mit technologisch ausgereiften 5G-Produkten auf dem Markt auf. Hier gibt es sowohl Core-Spezialisten, als auch Radio-Access-Network-(RAN)-Spezialisten, vornehmlich im Open-RAN-Umfeld.

Die Core-Produkte jener unbekannten Ausrüster sind mit State-of-the-Art-Technologie ausgerüstet: Standalone und SBA (Service Based Architectur) orientiert, virtualisiert, Cloud-native, micro-service basiert, orchestriert und entsprechen dem 3GPP-Standard. Diese Produkte sind dem einen oder anderen der drei großen 5G-Anbieter technologisch weit voraus, da kein 4.xG als 5G vorgegaukelt wird. Vor allem sind sie ab sofort verfügbar!

Während bei den eher unbekannten RAN-Ausrüstern 5G-Antennen für den Outdoorbereich natürlicherweise zur Verfügung stehen, sind geeignete Indoor-Antennen für Campusnetze zum Teil erst in Q3/2020 verfügbar. Mit diesem Zeitplan aber liegen sie gegenüber den bekannten Netzausrüstern kaum im Nachteil. Je nachdem, mit welchem der drei bekannten Hersteller der Vergleich angestellt wird, sind sie sogar weit voraus. Bei den Baseband-Netzelementen im RAN (Basisstationen) sind die kleineren Ausrüster sogar Vorreiter, vor allem wenn es um Virtualisierung und Cloud-native Implementierung geht. Hier sind die bekannten drei Hersteller noch weit im Hintertreffen oder haben kaum Interesse an dieser Art der Implementierung. Auch hier sind die Baseband-Produkte ab sofort verfügbar.

Kosten-Aspekt

Es liegt auf der Hand, dass ein Mittelständler hohe Anfangsinvestitionen sehr genau betrachtet. Gerade an dieser Stelle lohnt sich ein Blick auf die bereits oben genannten weniger bekannten Anbieter. Sie scheinen sowohl bezogen auf die Investmentkosten als auch auf die operationellen Kosten im Vorteil zu sein. Erste Erfahrungen zeigen: Hier wird „echte“ 5G-Technologie zu nahezu einem ähnlichen Preis angeboten, wie 4.xG bei manchem der drei bekannten Ausrüster, oder gar um ein Vielfaches günstiger als bei dem Branchenprimus der drei Bekannten, der ebenfalls „echte“ 5G-Technologie anbietet.

In Punkto operationelle Kosten liegen die unbekannten Ausrüster ebenfalls vorne, da sie getrieben durch den schon in der IT vorherrschenden Virtualisierungstrend wichtige Funktionen in ihre Produkte eingebaut haben. Im Core sind es die Themen Container-Technologien, Kubernetes für die Orchestrierung von Netzelementen, sowie SBA orientierte Software-Implementierung. Im RAN stehen vor allem „Self Organzing Network“ (SON) für die Aspekte der Funknetzoptimierung an vorderster Front, die für eine Reduzierung der Betriebskosten Sorge tragen. (Anmerkung: Momentan arbeiten wir an einer Übersicht über die Lieferanten und ihren Eigenschaften zur Veröffentlichung auf fuenf-G.)

Fazit

Die viel gepriesenen Eigenschaften von 5G sind nicht allein entscheidend für den Einsatz im eigenen Betrieb. Vielmehr sollten verschiedene Aspekte beachtet und bewertet werden. Wichtig für die Entscheidung ob 5G zum Einsatz kommen soll, ist zunächst einmal die Bedürfnisse des eigenen Produktionsablaufs auszuarbeiten. Das bietet eine fundierte Entscheidungsgrundlage. Auf dieser Grundlage sollte der Blick auf mögliche neue, bisher weniger bekannte Anbieter fallen: Da nicht jeder der unbekannten Netzausrüster Produkte anbietet, die auf die eigene Bedürfnislage zugeschnitten sind, ist eine Analyse der Produkteigenschaften auf Verfügbarkeit, neuester Technologieeinsatz, Managementtools auf einfache Verwaltung der Netzelemente zur Senkung des operationellen Aufwands etc. absolut ratsam.

Doch die Mühe sollte sich lohnen: Abseits der bekannten Pfade und Anbieter befindet sich eine ansehnliche Zahl an 5G-Netzausrüstern, die recht gut die Bedürfnisse des Mittelstandes abbilden können. Frei von politischen Scharmützeln, mit echter 5G- und State-of-the-Art-Technologie sowie zu tragbaren Kostenstrukturen für den Mittelstand. Das zeigt: 5G ist definitiv „keine Nummer zu groß“. 5G kann auch Mittelstand!

 

(Ende Teil 2 – Hier geht es zu Teil 1.)

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Zum Autor

Dipl.-Ing. Kenan Seba ist Nachrichtentechniker und zertifizierter Projektmanager. Er begann seine aktive Karriere im Mobilfunk im Jahr 2001 als Produktmanager bei Siemens Mobile. Sechs Jahre später gründete er sein eigenes Unternehmen SEBA Consulting für Beratung und Interimsmanagement in den Bereichen Mobilfunk, Festnetz und Internet-Technologien. In dieser Rolle bearbeitete er verschiedene Projekte unter anderem für Huawei, Nokia, Vodafone, Deutsche Telekom, Telefonica O2, BMW und der Fraunhofer Gesellschaft, die sich um das Rollout von mobilen Netzen, der Festnetz-Modernisierung oder LWL-Verlegung befasste. In diesem Kontext führt er ausgelagerte Geschäftsbereiche, erstellt und optimiert Geschäftsprozesse, evaluiert und analysiert 5G-Lösungen und Systeme. Durch die Analyse von 5G-Systemen und Lösungen ist Kenan Seba einer der wenigen Hersteller-unabhängigen 5G-Experten.