Open RAN soll Interoperabilität zwischen unterschiedlichen Herstellern gewährleisten (Bild: Telefónica)

Nicht zuletzt der Boykott von chinesischen Ausrüstern durch eine Reihe von Industriestaaten hat die Entwicklung von Open RAN befördert. Ein Überwinden des Oligopols von Huawei, Nokia und Ericsson, günstigere Preise und mehr Innovationen soll das Konzept ermöglichen. Doch lassen sich die hochfliegenden Erwartungen tatsächlich erfüllen? In jüngster Zeit melden sich immer mehr Kritiker und Zweifler zu Wort.

Kurz vor Weihnachten schlugen fünf große europäische Mobilfunkprovider Alarm: Europa bleibe bei der Entwicklung von Open RAN hinter den USA und Japan zurück, warnten Deutsche Telekom, Orange, Telecom Italia, Telefónica und Vodafone in einer gemeinsamen Stellungnahme. Es mangele auf dem Kontinent an Unternehmen, die Schlüsselkomponenten für Open-RAN-Technologien entwickeln. Insbesondere Siliziumchips sind hier zu nennen – derzeit dominiert der US-Konzern Intel die Open-RAN-Lösungen mit seinen CPUs, assistiert von der selbstentwickelten FlexRAN-Plattform. Zum anderen bemängeln die europäischen Telkos die mangelnde Unterstützung der Open-RAN-Initiative durch die hiesigen Infrastruktur-Anbieter Nokia und Ericsson.

Open RAN im Test – aber nicht im Netz

Alle drei deutschen Mobilfunkkbetreiber engagieren sich in Open RAN – zum einen in den Gremien, zum anderen in Versuchsanordnungen. So hat die Deutsche Telekom in Neubrandenburg die O-RAN Town ausgerufen – mit bis zu 25 Standorten sollen dort Massive-MIMO-Funkeinheiten im Live-Betrieb getestet werden. Vodafone macht einen ähnlichen Pilotversuch in Plauen, Telefónica/O2 ist mit drei Stationen im bayerischen Landsberg am Lech aktiv.

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Die Feldversuche in Neubrandenburg und Plauen werden im Rahmen einer Open-RAN-Initiative der Bundesregierung mit Fördergeldern unterstützt. Bis November 2021 waren 31 Millionen Euro an unterschiedliche Projekte geflossen. 300 Millionen Euro stellt das Bundesministerium für Verkehr und Infrastruktur (BMVI) in den kommenden Jahren zur Verfügung.

Zwar kündigte Telefónica an, nach erfolgreichen Tests ab Herbst 2021 Open RAN im Netz auszurollen. Bislang wird aber lediglich eine herstellerübergreifende SDN-Schnittstelle im bundesweiten O2-Mobilfunknetz eingesetzt. Sie dient dazu, das Management der 30.000 Richtfunkverbindungen zu vereinfachen. Kritischer sieht dagegen Vodafone den aktuellen Stand. Es fehlten europäische und deutsche Anbieter für Open RAN, man wolle nicht dazu beitragen, die Marktanteile nach Nordamerika zu verschieben, begründete Gerhard Mack, Chief Technology Officer, die Zurückhaltung von Vodafone.

Europäische Ausrüster: Von „Nein“ bis „Ja, aber…“

Während Ericsson dem Konzept Open RAN grundsätzlich skeptisch gegenübersteht, hat Nokia zwar seine grundsätzliche Unterstützung zugesagt. Doch die Umsetzung stockt. So setzte Nokia im August die Teilnahme an der Open RAN Alliance aus. Das Gremium, das 2018 von fünf Unternehmen gegründet wurde, um offene RAN-Technologien voranzutreiben, die den einfacheren Austausch von Huawei-Komponenten zu ermöglichen, umfasst inzwischen 260 Mitglieder. Darunter sind 44 aus China, viele mit engen Verflechtungen zum chinesischen Staat, drei davon sogar ausdrücklich auf der Boykottliste der USA. Nicht nur der finnische Ausrüster befürchtet, dass die Zusammenarbeit mit solchen Unternehmen im Rahmen der Allianz negative Konsequenzen für das US-Geschäft haben könnte.

Ein zweiter Vorwurf an Nokia lautet, dass die vorgestellten Lösungen den Open-RAN-Gedanken unterlaufen. So wird dem Ausrüster vorgeworfen, zwar eine Open RAN-Software mit offenen Schnittstellen entwickelt zu haben. Nicht umgesetzt worde sei jedoch die Entkoppelung von Hard- und Software – so dass die Nokia-Software nur auf Nokia-Hardware lauffähig ist.

Open RAN nur eine Aneinanderreihung von Mythen?

Das ist Wasser auf die Mühlen des dänischen Consulting-Unternehmens StrandConsult. Das stellte zum Jahreswechsel fest: „Viele sprechen von Open RAN, aber Mobilfunkanbieter kaufen immer noch klassisches RAN“. Die ökonomische Wirklichkeit spreche gegen das Konzept: Selbst wenn OpenRAN den von seinen Befürwortern vorhergesagten Erfolg erzielen werde, betrage der Open-RAN-Anteil an den 5G-Mobilfunkstandorten im Jahr 2025 weniger als 1 Prozent, 2030 nicht mehr als 3 Prozent.

Die Gründe für diese Entwicklung versucht StrandConsult in einem umfangreichen Bericht zu belegen, der 25 Mythen zu Open RAN entlarven soll (Website). Einer der Punkte: die verschiedenen Open-RAN-Vereinigungen seien keine Standardisierungs-Gremien, wie etwa die 3GPP, die einheitliche technische Spezifikationen erarbeitet, an die sich die gesamte Branche hält. Dementsprechend gebe es Probleme mit herstellerspezifischen Interpretationen und mangelnden Fortschritten, möglicherweise bewusst von den großen Playern herbeigeführt. Die hätten gar kein Interesse daran, kleineren Wettbewerbern die Tür zu einem lukrativen Markt zu öffnen. Nicht zuletzt sei Open RAN auch eine Verzögerungsstrategie gegenüber den Huawei-kritischen Regierungen: Denen sei zum Teil ein Austausch der chinesischen Komponenten zugesagt worden, wenn Open-RAN-Technologien marktfähig sei.

Quelle: StrandConsult

Berechtigte Kritik an Open RAN

Auch an anderer Stelle kann die Analyse von StrandConsult durchaus punkten. So gehen die Beführworter des offenen Standards davon aus, dass mit dem Ablösen der beherrschenden großen Anbieter durch eine Reihe kleinerer Komponenten-Lieferanten Kosten gespart werden könnten. Tatsächlich haben die großen Telcos jedoch die Erfahrung gemacht, dass das Management einer großen Zahl von Lieferanten die Kosten eher treibt und die Fokussierung auf einen Anbieter letztendlich billiger ist.

Auch der nun von den Telcos vorgetragene Mangel an europäischen Unternehmen, die Open-RAN-Technologien entwickeln, hatte StrandConsult bereits in seinem Bericht vom April aufgegriffen. Weder trage ein offener Standard per se zu mehr oder schnelleren Innovationen bei, noch sei damit gewährleistet, dass Europas Einfluss gestärkt werden könne. Stattdessen sei weiterhin eine Dominanz asiatischer und US-amerikanischer Anbieter zu sehen.

In Teilen ist die Analyse der Dänen jedoch fast schon provokant (siehe Website). Die 10 wichtigsten Thesen lauten:

  1. Open RAN ist kein technischer Standard.
  2. Open RAN ist nicht geeignet, chinesische Technik in den Mobilfunknetzen zu ersetzen.
  3. Open RAN bleibt bei der Innovationsgeschwindigkeit hinter der Entwicklung des 5G-Standards zurück
  4. Open RAN kommt für die aktuelle Entwicklung der 5G-Netze zu spät.
  5. Nicht Open RAN, sondern die Beschränkungen für Huawei haben die Tür für weitere – bereits vor Open RAN tätige – Anbieter geöffnet.
  6. Der Kostenvorteil von Open RAN auf Seiten einzelner Komponenten entfällt möglicherweise, wenn man alle Kosten wie Lieferung, Verfügbarkeit, Energieverbrauch, Sicherheit, Garantie, Netzwerkintegration, Geräteabgleich, Service-Level-Agreements usw. berücksichtigt.
  7. Open RAN bietet keinen Sicherheitsgewinn, wenn die Komponenten eines (bekannten) chinesischen Anbieters gegen solche von 50 (unbekannten) chinesischen Anbietern ausgetauscht werden.
  8. Open RAN ist weniger Energie-effizient, wenn statt spezialisierter, hocheffizienter RAN-Chips Standard-X86-CPUs von Intel zum Einsatz kommen und die Infrastruktur statt aus einem End-to-End-System aus einer Vielzahl von Mix-and-Match-Komponenten besteht.
  9. Rakuten ist kein Beispiel für die Erfolgsgeschichte von Open RAN, da Rakuten keine offene, sondern eine proprietäre Lösung vertreibt (z.B. an 1&1 in Deutschland).
  10. Open RAN bringt lokale Ökosysteme nicht voran. Zum Teil geförderte Start-Ups entwickeln zwar lokal, lassen dann jedoch in China produzieren.

Viele Beführworter des Open-RAN-Konzepts stützten sich auf Annahmen, Erwartungen und Vermutungen. Es fehle dagegen an überprüfbaren Fakten und statistischen Belegen für die behaupteten Vorteile, bemängelt der Report „Debunking 25 Myths of OpenRAN“. Das Fazit der Dänen ist daher vernichtend: „OpenRAN ist eine der am meisten überbewerteten technischen Lösungen seit der Einführung von 3G im Jahr 2000.“

Aufruf an unsere Leser: Ist für Sie Open RAN eher Lichtblick oder Legende?

Teilen Sie die Kritik am Open-RAN-Konzept? Oder sehen Sie es eher positiv? Wo sehen Sie Stärken, wo Schwächen? Und was müsste passieren, um bestehende Probleme auszumerzen und die Entwicklung von Open RAN voranzubringen? Wir freuen uns auf Ihre Stellungnahme an redaktion@fuenf-g.de!