Mit Open RAN kann Sende- und Empfangstechnik unterschiedlicher Hersteller eingesetzt werden. (Bild: Erich Westendarp / Pixabay)

Mehr Wahlfreiheit beim Auf- und Ausbau der Mobilfunknetze soll die offene Architektur Open RAN ermöglichen. Inzwischen hat die Politik erkannt, dass diese einen Weg eröffnen kann, sich schneller aus der Abhängigkeit chinesischer Ausrüster zu lösen. Weltweit fließen nun große Summen, um die Entwicklung zu beschleunigen – auch in Deutschland.

Auch beim Aufbau der 5G-Netze in Deutschland und anderswo wird die Technik bislang in „Paketen“ eingekauft: Sende- und Empfangsequipment kommen aus einer Hand, denn die einzelnen Komponenten funktionieren nur innerhalb des Portfolios eines Herstellers zusammen. Will man die Technik austauschen, muss wiederum das gesamte Equipment neu gekauft und installiert werden. Seit die Frage diskutiert wird, ob Huawei aus den Netzen entfernt werden soll, ist dies nicht mehr nur ein rein theoretisches Problem. Die Netzbetreiber warnen die Politik vor einem solchen Schritt. Denn sie würden Milliardensummen verlieren, und ein großflächiger Austausch würde so viele personelle Ressourcen binden, dass der weitere Ausbau der 5G-Netze sich um mehrere Jahre verzögern würde.

Einen Ausweg aus dem Dilemma zeigt das Konzept einer Open-RAN-Architektur auf. Das Ziel von Open RAN ist es, die einzelnen Komponenten der Sende- und Empfangstechnik über Herstellergrenzen hinweg interoperabel zu machen. So könnten nur jeweils kritische Komponenten von Huawei gegen solche anderer Anbieter ausgetauscht werden, die unkritischen könnten dagegen weitergenutzt werden.

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„Freikaufen“ per Forschungsförderung

Die deutsche Politik drückt sich seit Jahren um eine konkrete Aussage zu Huawei. Das nun vorgelegte Informationssicherheitsgesetz 2.0 verbietet den Einsatz der Technik aus China nicht direkt, sondern setzt auf eine Zuverlässigkeitsprüfung. Letztlich bleibt die alles entscheidende Frage: Wollen wir Huawei vertrauen oder nicht? Und auch wenn noch so viele scheinbar objektive Kriterien geprüft werden – Vertrauen kann man darüber nicht herstellen, entweder hat man es oder nicht.

Nun könnte sich für die Bundesregierung ein Weg eröffnen, wie man die chinesische Technik zügig loswerden kann, ohne die dringend nötige Weiterentwicklung der Kommunikationsinfrastruktur entscheidend zu schwächen. Sie hat sich offenbar entschieden, mit erheblichen Finanzmitteln die Entwicklung von Open RAN zur Marktreife zu unterstützen.

Dem Handelsblatt liegt ein vertrauliches Konzept vor, in dem 15 Projekte genannt werden, die dazu einen Beitrag leisten sollen. Die Förderung dieser Projekte sei nun auf den Weg gebracht, schreibt die Wirtschaftszeitung. Die nötigen Mittel sind demnach bereits Teil des letzten Konjunkturpakets, die sich auf unterschiedliche Ressorts verteilen. So stehen dem Bundesforschungsministerium 635 Millionen Euro zur Verfügung, das Verkehrsministerium ist mit 625 Millionen dabei, weitere 590 Millionen werden über das Wirtschaftsministerium verteilt und über das Innenministerium noch einmal 150 Millionen Euro.

Kampf um Fördertöpfe hat begonnen

Insgesamt werden auf diese Weise 2 Milliarden Euro investiert, mit einem klaren Ziel: die technologische und digitale Souveränität Deutschlands zu fördern. Darüber hinaus soll ein neuer Industriezweig aufgebaut werden, auch die damit verbundenen neuen Geschäftsmodelle erhalten einen Push. Dementsprechend ist der Empfängerkreis weit gestreut: Forschungseinrichtungen, Start-ups sowie mittelständische Unternehmen sollen profitieren.

Da wollen natürlich auch die Provider nicht zurückstehen. Die haben neben den nationalen Fördertöpfen auch die Mittel der EU im Blick. So haben Vodafone, Telefónica, Orange und die Deutsche Telekom ein Memorandum of Understanding (MoU) unterzeichnet, das ebenfalls die Entwicklung von Open RAN vorantreiben soll. Die vier Wettbewerber zielen darauf ab, mit ihrer Nachfrage ein lukratives Marktvolumen zu schaffen und damit die Anbieterseite zu stimulieren. Zugleich wollen sie das Open-RAN-Ökosystem unterstützen, indem sie beispielsweise mit Initiativen wie O-RAN Alliance und dem Telecom Infra Project (TIP) zusammenarbeiten.

Frühzeitige Implementierungen, die Entwicklung bei Herstellern und Forschungseinrichtungen, auch in kleineren Unternehmen oder neuen Start-ups, sowie die Validierung und Zertifizierung über Testlabore sollte von der Europäischen Union gefördert werden. Und auch von den nationalen Fördertöpfen möchten die Mobilfunkprovider natürlich partizipieren.

Nebeneffekte sind erwünscht

Auch in anderen Teilen der Welt hat man erkannt, dass Open RAN eine Option bietet, sich von den dominierenden Herstellern freizumachen. Das betrifft momentan vor allem die chinesischen Anbieter Huawei und ZTE. Doch von den USA bis nach Japan sieht man die Gefahr, dass dies zur Entwicklung eines – europäischen – Duopols aus Nokia und Ericsson führen könnte. Mit Open RAN will man deshalb auch den Anbietern aus dem eigenen Land zu mehr Chancen verhelfen. Ein intensiverer Wettbewerb könnte weltweit zu sinkenden Preisen für Netzwerkausrüstung führen.

Bei Ericsson hält man nach wie vor am bisherigen Paket-Konzept fest. Das Handelsblatt zitiert Ericssons Netzwerk-Vorstand Fredrik Jejdling, wonach gute Qualität und Kosteneffizienz nur über große Skalen erreicht werden könnten.

Anders sieht es dagegen bei Nokia aus. Die Finnen hatten erst kürzlich eine neue Konzernstrategie ausgegeben. Demnach wollen sie bei 5G wieder eine Führungsrolle im Markt übernehmen und die Marktanteile ausweiten – auch auf Kosten der Rentabilität. Dementsprechend wird Nokia auch Open-RAN-Konzepte sowie virtuelles RAN unterstützen und entsprechende Technologien entwickeln. Damit könnten die Finnen zumindest als Teillieferant bei Open-RAN-Projekten im Rennen bleiben anstatt neuen Wettbewerbern hier kampflos das Feld zu überlassen. CEO Pekka Lundmark sieht dies als „Neupositionierung in einer sich verändernden Welt“.

Harter Wettbewerb

Zu diesen Veränderungen gehören neue Netzanbieter, gerade im Umfeld von 5G. So werden beispielsweise in Afrika völlig neue Netze aufgebaut – ohne eine „technische Hypothek“, sprich: installierte Technik, auf die Rücksicht genommen werden muss. Aber auch ohne traditionelle Lieferantenbeziehungen, so dass sich Nokia und Ericsson einem harten Wettbewerb stellen müssen.

Mit 1&1 Drillisch steht in Deutschland ebenfalls der Markteintritt eines neuen Netzbetreibers bevor. Konzernchef Ralph Dommermuth setzt ebenfalls auf Open RAN. Sein Ziel ist es, über geringere Investitionskosten letztlich günstigere Angebote machen zu können und so den etablierten Providern Marktanteile abzujagen.

Mit ihrer paneuropäischen Open-RAN-Initiative zeigen die Mobilfunk-Riesen, dass sie diesen Wettbewerb ernst nehmen und sich ihm stellen. Am Ende werden alle profitieren: von niedrigeren Endkundenpreisen und schnelleren Innovationen.