Bild: AnnaliseArt / Pixabay

Über 90 Anträge, davon 88 bereits bewilligt – das ist die erste Jahresbilanz der Bundesnetzagentur in Sachen Campus-Netze. Sie rechnet weiterhin mit wachsendem Interesse und vielen weiteren Unternehmen, die ihr eigenes, privates 5G-Netzwerk errichten wollen.

Am 21.11.2019 fiel der Startschuss: Ab diesem Tag konnten Grundstückseigner und -mieter bei der Bundesnetzagentur (BNetzA) die Zuteilung von bis zu 100 MHz Bandbreite im 3,6-GHz-Spektrum beantragen, um auf ihrem Gelände – indoor und/oder outdoor – ein eigenes Mobilfunknetz einzurichten. Diese privaten Campus-Netze oder „Non public Networks“ (NPN) wecken zunehmend Interesse. Nachdem anfangs nur einige wenige Großunternehmen, wie beispielsweise BASF, entsprechende Anfragen stellten, meldete die Aufsichtsbehörde nach dem ersten Jahr nun insgesamt 93 eingegangene Anträge. 88 wurden bereits bewilligt, fünf befinden sich noch in der Bearbeitungsphase, abgelehnt wurde keiner.

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Dass das Interesse an Private Networks zukünftig noch größer wird, unterstreicht eine aktuelle Studie von ABI Research. Demnach soll der weltweite Umsatz mit Netzausrüstungen für private 5G-Kommunikationsnetzwerke bis 2030 auf 64 Milliarden Dollar steigen. Rund die Hälfte davon werde auf die Segmente Industrielle Fertigung, Energieproduktion (inklusive Öl- und Gas-Förderung, Kohle-Bergbau) und Logistik entfallen. Die Nachfrage werde zum einen getrieben durch die steigenden Anforderungen an Automatisierung und Digitalisierung, angeheizt durch die Covid-19-Pandemie, die den Vorteil von Fernsteuerung und Fernwartung deutlich gemacht habe. Nach der Verabschiedung des 3GPP-Standards 5G Release 16 habe der Markt darüber hinaus die nötige Sicherheit, um nun industrie-taugliche Komponenten und Device zu entwickeln und zur Marktreife zu bringen, so die Forscher von ABI Research.

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Interesse über alle Branchen hinweg

Zu den Antragstellern gehören Mittelständler ebenso wie Industrie-Riesen, beispielsweise Airbus, Audi, BASF, Mercedes Benz oder ThyssenKrupp, sowie Forschungseinrichtungen und Universitäten bzw. deren Ausgründungen, darunter Campus Schwarzwald der Hochschule Reutlingen, Fraunhofer IPT und IIS, inIT/TH OWL, Campus Melaten der RWTH Aachen, TU Kaiserslautern, Universität Stuttgart und noch einige mehr. Daneben auch Netzbetreiber und -ausrüster wie Huawei, LS telcom, Telefónica, T-Systems und Verizon, Hersteller von Industrie-Ausrüstungen wie Bosch, Phoenix Contact und SEW-Eurodrive, und nicht zuletzt auch Entwicklungsgesellschaften für Gewerbe- und Industrie-Flächen wie die Wirtschaftsförderung im Landkreis Harburg für den Standort Buchholz i.d.N. oder die Wista Management, die den Technologiepark Berlin-Adlershof betreut. Eine Liste jener Lizenznehmer, die der Veröffentlichung zugestimmt haben, stellt die BNetzA hier (PDF-Download) bereit.

Verbände betonen Bedeutung für die Industrie

In einer gemeinsamen Mitteilung haben die Verbände der Automobil-Industrie, der Chemischen Industrie, der Elektro-Industrie und der Maschinen- und Anlagenbauer – VCI, VDA, VDMA und ZVEI – den hohen Stellenwert der neuen Mobilfunk-Technologie für ihre Branchen hervorgehoben. Die Möglichkeit, selbst 5G-Netze zu betreiben und auf diese Weise eigene Erfahrungen zu sammeln und neue Anwendungsfälle zu testen und zu entwickeln, sei für die deutsche Industrie von enormer Bedeutung.

Bild: Siemens

Bild: Siemens

„Industrielle 5G-Campusnetze entfalten mit Automationstechnik komplett neue Anwendungsfelder, etwa in der flexiblen, vernetzten Produktion oder der Überwachung von Systemen. Für die Elektroindustrie sind die vielfältigen Anwendungsfelder zukunftssichernd.“

Herbert Wegmann, General Manager bei Siemens Vorsitzender im ZVEI-Lenkungskreis Industrielle Kommunikation

Zwar befinde sich das industrielle 5G noch in der Standardisierung und werde in der Automationstechnik erst zur Marktreife herangeführt. Dennoch zeige das große Interesse an den Campus-Netz-Lizenzen das große Potenzial und unterstreicht die Chance, Deutschland zu einem Leitmarkt und Leitanbieter für industrielle mobilfunkbasierte Anwendungen zu entwickeln.

Bild: Klon Group

Bild: Kion Group

„Die hohe Sicherheit und geringe Latenzzeiten von 5G-Campusnetzen gepaart mit der Skalierbarkeit von Rechenleistung in der Cloud reduziert drastisch die Entwicklungsaufwände. Gerade Echtzeitapplikationen oder sonstige sehr rechenintensive System, wie die Bildverarbeitung oder KI-Algorithmen, profitieren hiervon.“

Ansgar Bergmann, Project Manager CTO, KION Group/Still und Mitglied der VDMA 5G User Group

Die Verbände verweisen darauf, dass lokale Campus-Netzwerke Unternehmen die vollständige Kontrolle über die eigenen Daten ermöglichen, dazu eine maßgeschneiderte Abdeckung des Firmengeländes sowie eine von anderen Standards, wie beispielsweise WLAN, unabhängige Netzwerk-Infrastruktur. Damit eröffne sich ein großes Potenzial für technologische Entwicklung und Innovation in Deutschland. Nicht zuletzt trage 5G dazu bei, die technischen Grundlagen für Industrie 4.0 auszubauen.

Bild: VDA

Bild: VDA

„Für die Unternehmen der Automobilindustrie ermöglichen 5G-Campusnetzwerke die Vernetzung von Anlagen und Systemen in der Produktion und schaffen somit eine neue, sehr effiziente Form der Flexibilisierung.“

Dr. Joachim Damasky, Geschäftsführer des VDA

Beim VCI sieht man in 5G-Campus-Netzen eine wichtige Voraussetzung, um die digitale Transformation in der Chemiebranche voranzutreiben. In einem Pilotprojekt baut beispielsweise BASF im Produktionsumfeld eine Testumgebung auf, um 5G in verschiedenen Anwendungsbereichen zu pilotieren. Dabei werden auch unterschiedliche Partner mit einbezogen.

Bild: VDA

Bild: BASF

„Die gesamte Prozessindustrie betritt mit 5G Neuland. Eine enge Zusammenarbeit mit Partnern ist daher besonders wichtig, um kontinuierlich voneinander zu lernen. So können wir zukünftig das Potenzial der Technologie voll ausschöpfen.“

Martin Schwibach, Industrial Connectivity & Industrial Mobility bei BASF SE und Gremienmitglied im VCI für Digitalisierung

Letztendlich sehen die Verbände in den unterschiedlichen Einrichtungs- und Betreibermodellen einen wichtigen Treiber für Innovationen in Bereich 5G. Dass Unternehmen die Möglichkeit haben, ihre 5G-Mobilfunknetze selbst aufzubauen und zu betreiben oder über öffentliche Netzbetreiber und die Netzausrüsterindustrie zu planen und betreiben zu lassen oder auch gemischte Modelle zu nutzen, sorge für einen Wettbewerb, der einen wichtigen Beitrag zur erfolgreichen Etablierung der 5G-Technologie in Deutschland leiste.

Entwicklung schreitet voran

Die Bundesnetzagentur verweist darauf, dass die Beantragung eigener, lokaler Frequenzen rein online erfolgen kann. Zu den Voraussetzungen hat FUENF-G.de bereits im Beitrag „So kommen Sie an Lizenzen für ein 5G-Campus-Netz“ berichtet, dazu haben wir einen exklusiven Gebührenrechner für 5G-Campus-Lizenzen entwickelt.

Inzwischen mehren sich auch die Produkte für den industriellen Einsatz von 5G, wie der 5G-Devices-Bericht der GSA zeigt. Eine Reihe demnächst verfügbarer Geräte haben wir Ihnen gemeinsam mit unserem Kooperationspartner RSConnect im Überblick der 5G-Router für die Industrie zusammengetragen.

Für Unternehmen, die sich für ein eigenes, privates 5G-Netzwerk interessieren, bieten FUENF-G.de und RSConnect ein Online-Seminar an: „Private 5G-Netzwerke – Campusnetzwerke verstehen“, am 15. Dezember von 10:00 h bis 15:30 h. Details und Anmelde-Möglichkeit finden Sie hier.